Es ist mal wieder Montag und ich sitze – hochmotiviert nach dem wöchentlichen Treffen mit meinem Ringanateam – vor meinem Superbuch und versuche meine Motive in den Kategorien Ehre, Besitz, Selbstverwirklichung, Dienen, Macht, Spiritualität und Wettbewerb herauszufinden. Lebe ich eher nach dem Motto „hin zu“ oder eher „weg von“? Leichte Überforderung stellt sich ein: bei einigen dieser Wörter klingeln meine inneren Red Flags (Mir ist bewusst, dass Flaggen in echt nicht klingeln).
Wenn ich nur das Wort Dienen lese, zieht sich eine Schicht Raureif über meine Gänsehaut, die anderen Worte sind noch schlimmer.
Wieso?
Nunja: Prägung. DIENEN ist bei mir geprägt von „Ich darf nicht egoistisch sein“ und „Ich muss mich selbst zurückstellen, ja quasi aufgeben, damit es anderen besser geht“.
Jetzt wissen wir alle, dass das so nicht stimmt, dass das Lebenslügen oder nicht mehr taugliche Glaubenssätze sind, nur: sei mal dienend, wenn alles in dir schreit „ich muss mich nicht selbst aufgeben“ und dein schlechtes Gewissen direkt die Federn plustert, weil selbstverständlich musst du dich selbst aufgeben, weil du andere höher schätzen sollst, als dich selbst.
Das ist Prägung. Verwirrend. Widersprüchlich. Voller „Ich weiß, dass das nicht stimmt“ bei gleichzeitigem „ich fühle, dass mein alter Glaubenssatz wahr ist, aber nicht wahr sein sollte“.
Nach „Dienen“ mache ich einen Cut. Sieben mögliche Motive auf einmal einzuschätzen ist mir zu viel, das packt mein Nervensystem aktuell nicht. Vielleicht sollte ich mir eins pro Woche vornehmen. Besserer Plan: Babysteps. Die führen bekanntermaßen ja auch zum Ziel.
Hast du Babysteps, die du dir für diese Woche vornimmst?
Oder willst du einfach mal sein? Ohne Analyse, ohne geheilt werden zu wollen?
Verstehe ich total. Eben habe ich meine Instagram-Bio geändert: Auf der Suche nach einem Rückgrat steht da jetzt – musste die Schreibweise googeln – bei gleichzeitiger Akzeptanz meiner Unperfektion.
Ich denke immer wieder, dass ich ein Rückgrat, eine Haltung, eine Meinung habe – nur eigentlich gibt es immer Ausnahmen meiner Regeln. Umstände. Erklärbare Zusätze und Erweiterungen. Wir sind nicht perfekt und müssen das auch nicht sein. Nie.
Wir haben Meinungen, Haltungen, malen uns theoretisch aus, was wir in Situation xyz tun werden, sagen würden, uns verhalten werden – und können es doch nur mutmaßen.
„Heute bin ich souverän“ denke ich auf meinem Weg zum Casting und schwups schaut mich die Dame, die mich abholt schräg an und das war’s mit meinem Framing. Man kennt’s 😊
Babysteps. Learning by burning. Kleinigkeiten umsetzen, üben, ausprobieren. Fußnägel mit Leoprint, statt einer Leobluse. Ein Lächeln im Vorbeigehen, statt einer aufdringlichen Empfehlung für ein neues Produkt. Ein feiges „Wie geht’s dir?“ statt einer durchdachten Deeptalkfrage, um ein Gespräch in Gang zu bringen.
It’s okay. Babysteps. Rückgrat sieht manchmal opportunistisch aus. Lass es. Dafür gibt’s Gründe.
Ich wünsch dir eine Woche voller kleiner Gründe, voller Babysteps und Applaus (und wenn’s „nur“ dein eigener für dich selbst ist!).
Mein Gedanke: wo war ich vor 5 Jahren? Was habe ich da geübt? Was waren da meine Babysteps? Ich bin sicher: in 5 Jahren, werden meine jetzigen Babysteps selbstverständlich sein.
Deine Mirjam
